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Rede anlässlich des Europäischen Gedenkaktes des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald Im Wittumspalais in Weimar am12. April 2015 Von Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments

Met dank overgenomen van Voorzitter Europees Parlement (EP-voorzitter), gepubliceerd op zondag 12 april 2015.

Liebe Frau Pusztai,

lieber Herr Weisz,

Sehr verehrte ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald,

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Ramelow,

Sehr verehrter Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, Herr Herz,

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Überlebende,

Wir sind heute nach Weimar gekommen, um mit Ihnen gemeinsam der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald vor 70 Jahren, am 11. April 1945, zu gedenken.

Sie haben die Hölle des Konzentrationslagers überlebt. Doch für viele Ihrer Mitgefangenen, Ihrer Angehörigen und Freunde kam die Rettung zu spät.

Durch Hunger und Krankheit, Zwangsarbeit und Folter, Hinrichtung und unvorstellbare Grausamkeit wurden 56.000 Menschen in Buchenwald ermordet.

Die zerstörten Leben werden für immer fehlen.

Sie haben eine Lücke gelassen, die niemals geschlossen werden kann.

Wir verneigen uns vor den Opfern und den Ermordeten. Gemeinsam wollen wir heute ihrer gedenken.

Jeder, der heute durch das ehemalige Lager von Buchenwald geht, im Schatten von Wachtürmen und Krematorien, dieser Mahnmale des Terrors, der Willkür und der Gewalt, über den gigantischen Appellplatz hinweg, auf dem Namen zu Nummern degradiert wurden;

jedem, dem sich die Bilder von der Befreiung, von Leichenbergen und abgemagerten Gefangenen für alle Zeiten einbrennen, diese Zeugnisse wie Menschen anderen Menschen das Menschsein absprachen;

ein jeder wird, von Wut und Verzweiflung gepackt, den Glauben an die Menschheit verlieren.

Sie aber, die Überlebenden, haben die Menschheit nicht aufgegeben.

Sie haben die Hölle der Konzentrationslager überlebt und die Hölle der Erinnerung bezwungen.

Sie haben die Kraft gefunden Ihre Geschichte mit uns zu teilen, uns zu berichten, was Sie in Buchenwald erlebten und erlitten, erschütternde Geschichten, die uns den Atem stocken lassen.

Damit Ihre Erinnerung unsere gemeinsame Erinnerung wird.

Damit wahr wird, was Elie Wiesel hoffte: „Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden“.

Als Deutscher, als Politiker, als Vater bin ich Ihnen dafür unendlich dankbar, dass Sie nicht den Weg des Vergessens und Verdrängens, sondern den für Sie schmerzhaften Weg des Erinnerns gewählt haben.

Denn wir müssen, wir wollen die Erinnerung wach halten an die in Buchenwald, Theresienstadt, Auschwitz und anderswo im nationalsozialistischen Rassenwahn von Deutschen verübten grausamen Verbrechen, an den von der Generation unserer Väter und Großväter begangenen größten Zivilisationsbruch in der Menschheitsgeschichte und an die Schuld, die sie auf sich luden.

Um unserer selbst und um unserer Kinder willen wollen wir Zeugen werden;

Zeugen des Unvorstellbaren, dass sich die Barbarei gerade hier in mörderischer Raserei Bahn brechen konnte, hier, - ich weiß, es ist schon hundert Mal gesagt worden, aber es stimmt ja - hier, auf dem Ettersberg, wo Johann Wolfgang von Goethe einst wanderte und Gespräche mit seinem Sekretär Eckermann führte; Jorge Semprún hat uns in Was für ein schöner Sonntag daran erinnert;

hier in Weimar, das wie keine zweite deutsche Stadt Sinnbild für Humanismus und Aufklärung ist, und der ersten deutschen Demokratie ihren Namen gab;

dass gerade hier, inmitten wunderschöner Landschaft, gerade hier in Weimar, dem Ort der Kultur und der Klassik ein Ort des Terrors und des Todes geschaffen wurde;

von dem Unbegreiflichen wollen wir berichten; davon, dass europäische Juden, Sinti und Roma, Wohnungslose, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und politische Gegner des Nationalsozialismus, Kommunisten und Sozialdemokraten, Christen aller Konfessionen, sowie Widerstandskämpfer aus Deutschland und ganz Europa hier in Buchenwald inhaftiert wurden.

Politiker und Schriftsteller. Künstler und Geistliche. Léon Blum, Elie Wiesel, Stéphane Hessel und Imre Kertész, Bruno Apitz, Jorge Semprún und Dietrich Bonhoeffer, um nur einige zu nennen.

Auch deren beindruckenden Zeugnissen haben wir es zu verdanken, dass wir nicht vergessen, dass der Terror des Nationalsozialismus auf dem System der Konzentrationslager beruhte, dort durch Erniedrigung und Demütigung, durch Drohung und Aussonderung und schließlich Auslöschung den Menschen die Würde und das Leben selbst genommen werden sollte.

Ihnen haben wir auch zu verdanken, dass wir darum wissen, dass Widerstand möglich war, gegen das Nazi-Regime, gegen die Besatzung durch Nazi-Deutschland und Widerstand sogar im Konzentrationslager selbst. Die Befreiung kam von außen durch die 6. Panzerdivision der 3. US-Armee, aber die Befreiung kam auch von innen.

Beim Schwur von Buchenwald am 19. April, nur eine Woche nach der Befreiung, verschrieben sich Überlebende dem Ziel „eine neue Welt des Friedens und der Freiheit“ aufzubauen. Und viele von ihnen machten sich dann wirklich daran ein geeintes Europa zu errichten.

Dass am gleichen Ort von 1945 - 1950 das Sowjetische Speziallager Nr. 2 bestand, dessen Internierte zweifelslos mehrheitlich Schuld auf sich geladen hatten, zum Teil sogar schwere Schuld, deren stalinistische Behandlung aber allen Geboten der Humanität und Rechtsstaatlichkeit spottete, lehrt uns, dass Verbrechen sich mit Unrecht nicht aus der Welt

schaffen lassen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

den Überlebenden haben wir zu verdanken, dass wir darum wissen, dass Menschlichkeit auch in mitten der Unmenschlichkeit existieren kann. Es gab Zusammenhalt im Lager und auch Mitgefühl. Kinder wurden beschützt und im Verborgenen unterrichtet. Imre Kertész hat in seinem Roman eines Schicksallosen Zeugnis abgelegt vom Leben der Kinder im Konzentrationslager. Mehr als 900 Kinder und Jugendliche wurden am 11. April befreit. Viele von ihnen überlebten nur dank der Zuwendung anderer Gefangener.

Sie, die hier anwesenden Überlebenden möchte ich direkt ansprechen: Nach allem, was Sie erdulden und erleiden mussten, nach allem, was wir nur aus Bildern und Büchern kennen, was Sie aber als bittere Realität ihres Lebens erfahren mussten, haben Sie den Weg der Verständigung und der Versöhnung gewählt. Das macht Sie zu beispielhaften Persönlichkeiten.

Sehr geehrte Anwesende,

die Verbrechen geschahen nicht von selbst sondern nahmen ihren Ausgangspunkt im immer brutaleren und radikaleren Vorgehen des Hitlerregimes.

Zu viele ließen die Saat des Hasses in ihre Herzen pflanzen, ließen zu, dass der Hass wachsen konnte.

Zu viele wendeten den Blick ab, wollten nicht sehen, wollten nicht wissen, blieben gleichgültig angesichts des Leids ihrer Nachbarn.

Umso mehr beschämt uns, dass nach der Befreiung zunächst die Erinnerung an die Gräueltaten verweigert, Schuld und Verantwortung verdrängt und die Opfer zu Bittstellern gemacht wurden. Lange, viele zu lange, dauerte es bis wir das Leiden der Opfer der Gleichgültigkeit entrissen.

Die persönliche Schuld mögen die Täter mit ins Grab genommen haben.

Doch die Verantwortung, den Schwur "Niemals wieder" einzulösen, diese Verantwortung tragen wir als nachkommende Generationen für alle Zeiten. Auch wenn wir individuell keine Schuld tragen, haben wir Verantwortung für Taten, die von einer Gemeinschaft begangen wurden, der wir angehören, so hat es Hannah Arendt zutreffend beschrieben.

Der Holocaust ist Teil unseres deutschen, aber auch unseres europäischen Bewusstseins geworden. Aus dem Gedenken an die Menschheitskatastrophe muss Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft erwachsen und diese Verantwortung muss unser Handeln leiten.

Im Wissen um die Millionen Toten, die Qualen der Opfer und aus der Entschiedenheit des "Niemals wieder" heraus, wollen wir als Nachgeborene

jeden Tag die Freiheit und die Demokratie energisch verteidigen;

jeden Tag für die Unbedingtheit der Würde des Menschen einstehen;

jeden Tag einschreiten gegen die Rückkehr von Dämonen, die wir in Europa für überwunden hielten und die doch immer wieder ihre hässliche Fratze erheben: den Antisemitismus, den Rassismus, den Ultranationalismus, die Intoleranz.

Der Terroranschlag auf Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt hat uns alle fassungslos gemacht. Menschen wurden ermordet, weil sie zeichneten, was fanatische Gewalttäter nicht sehen wollten. Juden wurden ermordet, weil sie Juden waren.

Das war ein barbarischer Angriff auf unsere Werte der Demokratie und der Freiheit. Das war ein Angriff auf uns alle. Wir müssen jetzt gegen die Angst zusammen stehen, uns nicht anstecken lassen von dem Hass der Attentäter, sondern ein wachsendes Misstrauen bekämpfen, und die Freiheit aller, die Freiheit für die 17 Menschen in Paris gestorben sind, beschützen.

Es macht mich zornig, wenn Juden sich heute in Europa wieder fragen „Werden meine Kinder in einer jüdischen Schule sicher sein? Müssen wir um unser Leben bangen, wenn wir in einem jüdischen Supermarkt einkaufen?“.

Wenn Synagogen unter Polizeischutz gestellt werden müssen;

wenn jüdische Friedhöfe geschändet werden;

wenn manche gar die historische Wahrheit des Holocaust bestreiten, erlittenes Leid und verlorene Leben auf das Abscheulichste verleugnen;

wenn Juden heute in unserem Land beleidigt, bedroht oder angegriffen werden, weil sie Juden sind;

wenn heute, 70 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager, manche Juden gar in Betracht ziehen auszuwandern, weil sie sich nicht sicher in Europa fühlen, dann muss uns all das beschämen und wach rütteln.

Und wenn Amtsträger unseres Landes, die ihrer demokratischen Verpflichtung nachkommen und staatliche Solidaritätsleistungen für Bürgerkriegsflüchtlinge organisieren, aus Angst zurücktreten oder unter Polizeischutz gestellt werden müssen, dann bestärkt mich das noch mehr in meiner Überzeugung, dass wir gemeinsam - jeder Einzelne für sich und wir zusammen - energisch jenen entgegentreten müssen, die den Hass schüren.

Weil ich glaube, dass wahr ist, was der Philosoph Edmund Burke sagte: „Für den Sieg des Bösen reicht die Untätigkeit der Guten.“

Wir dürfen die Agitatoren und Brandstifter nicht im Glauben lassen, eine schweigende Mehrheit stehe hinter ihnen. Entschieden müssen wir uns Hetze und Ausländerhass entgegenstellen und klar sagen: wir, die Mehrheit, stellen uns schützend vor die Flüchtlinge. Verfolgte haben ein Recht auf unseren Schutz und unsere Hilfe.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Verantwortliches Handeln, das heißt für uns auch, die europäische Einigung zu schützen. Denn die Integration unserer Staaten und Völker war die Antwort der Europäer auf die Kriege, die Zerstörung, die Morde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese Strukturen haben die alten Dämonen gebannt und Europa ein Immunsystem gegen Kriege geschenkt.

Jorge Semprun sagte vor zehn Jahren bei der Feier zum 60. Jahrestag der Befreiung Buchenwalds: "Eine der wirksamsten Möglichkeiten, der Zukunft eines vereinten Europas, besser gesagt, des wiedervereinten Europas einen Weg zu bahnen, besteht darin, unsere Vergangenheit miteinander zu teilen, unser Gedächtnis, unsere bislang getrennten Erinnerungen zu einen.“ Die europäische Einigung ist deshalb sicher auch eine Antwort auf Auschwitz und Buchenwald. Unsere kollektive europäische Identität erwächst aus dem gemeinsamen Erinnern unserer zuweilen barbarischen Geschichte und dem Bekenntnis zu den Werten der Aufklärung: zu Freiheit, Demokratie und der Unveräußerlichkeit der Menschenrechte. Der Schwur des "Niemals wieder" und der Glaube der Überlebenden, dass man eine bessere Welt schaffen kann, sollen uns heute und für alle Zeiten als ethische Richtschnur dienen.

Wir sind heute zusammen gekommen, um der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald vor 70 Jahren zu gedenken, um gemeinsam um die Ermordeten zu trauern, nicht zu vergessen und zu verdrängen sondern aus dem Erinnern an die Vergangenheit heraus unsere fundamentale Verpflichtung - die Würde des Menschen ist unantastbar - für die Zukunft zu erneuern.

Ich danke Ihnen.

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